Einstimmung

Einstimmung
Stellt man sich vor, wie eine Horde Schüler nach der großen Pause ins Klassenzimmer stürzt, brüllt, sich prügelt, über den Mülleimer fällt – und was sonst noch so passieren kann … –, so ist nachvollziehbar, welche Probleme nun das Hören eines Concerto grossos, das Üben eines rhythmisch-vertrackten grooves oder das Annähern an mehrstimmiges Singen mit sich bringen kann.

Das Innehalten, die Stille, das Besinnen, das In-sich-gehen – all dies sind kleine Bausteine, welche uns helfen, „reinzukommen“.

Hat man erst einmal eine Gruppe zu einem bestimmten Punkt des Innehalten geführt, tut sich eine Öffnung auf, welche zu einem Tor werden kann.

Dies ist der Punkt des Musiklehrers, an welchem er ansetzen muss: Er muss einstimmen!

Kein Konzert beginnt mit „der bloßen“ Musik. Es wirkt multisensorisch. Von der „besonderen“ Abendgarderobe, zur Fahrt zum Konzert, über den Sektempfang bis hin zur „Einstimmung“, dem Stimmen der Instrumente.

Hilbert Meyer (Unterrichtsmethoden, Bd. II, Frankfurt 1987, S. 129) postuliert fünf Kriterien für den Unterrichtseinstieg:

Der Einstieg soll

– den Schülern einen Orientierungsrahmen vermitteln

(Durch die Orientierung der Schüler über den geplanten Unterrichtsablauf wird die Verbindlichkeit der Arbeit gesichert)

– in zentrale Aspekte des neuen Themas einführen

(Nicht das schöne Detail sondern der „Kern der Sache“ steht im Mittelpunkt)

– an das Vorverständnis der Schüler anknüpfen

(Bezug auf Vorkenntnisse, Sprache (nicht imitieren!), Denk- und Weltbilder der Schüler, Handlungslogik der Schüler, Schaffen eines Unterrichtsklimas, in dem sich die Schüler wohl- und angenommen fühlen um damit Bereitschaft zu wecken, ihr Vorverständnis zu artikulieren!)

– die Schüler disziplinieren

(Das Leiten in eine Arbeitshaltung, im Idealfall über den Appell an die Selbstdisziplin)

– den Schülern möglichst oft einen handelnden Umgang mit dem neuen Thema erlauben

(Um an sich selbst zu erfahren, zu erproben, Neues zu lernen, Vertrautes in Erinnerung zu rufen. Der Lehrer ist hier nicht zwingend inaktiv sondern ist auch Anleiter, macht vor, zeigt, lädt „Spezialisten“ ein etc.)

Nachträglich möchte ich – aus eigener Beobachtung – ergänzen:

– Ein Einstieg muss ehrlich sein!

Eine Schülergruppe, die auf ein „ganz tolles Abenteuer mit ganz bösen Piraten und Haien und ´ner ganz tollen Insel“ vorbereitet wird und die vor ihrem geistigen Auge schon die Taschenmesser wetzt, anschließend aber ein lustiges Piraten-Mathe-Rätsel-Arbeitsblatt ausfüllen soll, muss frustriert reagieren! Man kann nur dann das Piratenabenteuer versprechen, wenn es auch wirklich stattfindet. Von daher: Bitte keine Mogelpackung verwenden!

Einstimmungen sollten nach Möglichkeit über Reize geschehen. Verschiedene Lerntypen reagieren auf verschiedene Reize, weshalb man hier – um dem Anspruch, so viele Schüler wie möglich zu erreichen gerecht zu werden – die Techniken variieren sollte:

Visuell – Reizbild
Nach einer Phase des Stillewerdens wird ein zum Thema führendes Reizbild gezeigt, angeheftet oder über Folie bzw. Video-Beamer projiziert.

Dem sollte sich eine Phase des „brain-stormings“ gelenkt mit gezielten oder nonverbalen Impulsen anschließen.

Visuell – entwickelndes Malen
Diese Methode ist in erster Linie den künstlerisch begabten Lehrern dienlich. Vom Prinzip her der Technik des Reizbilds nahezu identisch, liegt der besondere Reiz dieser Variante in der Teilnahme der Schüler am Schaffensprozess.

Hier tut sich gespanntes Interesse auf, welche genutzt und wie beim Reizbild beschrieben weitergeleitet werden soll.

Visuell – Reizwort
Oft reicht nur ein einziges Wort aus, um aus Schülern einen wahren Schwall an Assoziationen hervorzulocken. Allerdings muss das Reizwort (oder der „Reizsatz“) mit Bedacht gewählt werden, um Abdriften zu verhindern.

In der Rolle des Moderators wird dem Lehrer hier oft die Aufgabe zuteil einzulenken bzw. abzubrechen.

Visuell – Standbild
Der „Regisseur“ (Schüler oder Lehrer) sucht sich Personen aus der Gruppe aus, die von der äußeren Erscheinung her in das gewählte Bild passen.

Er baut mit den ausgewählten Mitspielern ein Bild Schritt für Schritt (die Entwicklung ist Teilaspekt!) auf und formt die Haltung der Mitspieler (nonverbal!) Mimik macht der Regisseur vor.

Anschließend erstarren alle Mitspieler; das Bild soll 20 – 40 Sekunden „wirken“. Hiernach wird das Standbild beschrieben und interpretiert; der Regisseur wird nach seiner Intention befragt.

Visuell – Comics
Gute Comics, Cartoons und Karikaturen bringen ein Problem komprimiert, provokativ und zumeist auch witzig-ironisch auf den Punkt. Deshalb bieten sie sich in vielen Fällen für einen Einstieg in neue Themen an.

Visuell – Pantomime
Eine Einstiegstechnik, die zwar geübt werden will, deren Erfolg aber im ausgewogenen Verhältnis hierzu steht.

Die Pantomime allein setzt Stille voraus, jede Bewegung ist wichtig und hat ihren Grund. Solche Szenen wecken sehr konzentrierte und durchdachte Assoziationen.

(Audio-)Visuell – Filmsequenz
Die für den Umgang mit „statischen“ Bildern Überlegungen finden ihre Spiegelung in den „bewegten“ Bildern. Ob die Filmsequenz im „Original“ oder ohne Ton (mit dem Ziel, eine passende Filmmusik zu finden) zur Einstimmung herangezogen wird, ist von der jeweiligen Lernsequenz abhängig.

Filmausschnitte leiten Schüler aufgrund ihrer Fülle von visuellen Informationen oft zu Assoziationen und bieten Gesprächsanlässe, welche vom Lehrer in der Rolle als Moderator nur noch gelenkt werden müssen.

Audiovisuell – Interview/Reportage
Eingeladene „Experten“ (vom Chorleiter über Organist bis zum Bratschist im Symphonieorchester, der dorfeigenen Tanzband bis zum Rundfunkmechaniker) bereichern jeden Unterricht. Es ist nahezu die Pflicht des Musiklehrers, den Unterricht regelmäßig von diesen Besuchern befruchten zu lassen.

Eine gute Reportage aus Fernsehen oder Hörfunk leistet zwar das gleiche, was sonst der Lehrer leisten würde, bringt aber einen neuen Motivationsaspekt mit sich: solche Einstiege wirken von allein!

Audiovisuell – Handpuppen
Die Arbeit mit Handpuppen kann gerade für die Arbeit im Primarbereich gar nicht oft genug betont werden: Sie sind Integrationsfiguren!

Grundsätzlich sollte jede Gelegenheit, sich gänzlich aus dem unterrichtlichen Geschehen zurückzuziehen, beim Schopfe gepackt werden. Dort, wo der Lehrer – oft auch zwingend – dazu neigt, zuviel zu reden und somit die Kinder überfordert (neudeutsch: „zutextet“), bietet die Handpuppe einen Partner, welcher gewisse Parts im Unterrichtsgespräch übernehmen kann.

Die Lehrdarstellung wird somit von einem imaginativen Gast übernommen (jede Handpuppe hat ihren eigenen Charakter)und der Lehrer verschwindet – scheinbar – gänzlich aus der Szene.

Handpuppen mit gestaltbaren Gesichtszügen leben von ganz alleine; die Finger des Spielers bestimmen Mimik und Gestik, die Stimme beeinflusst maßgeblich den Charakter.

Bauanleitungen findet man im Bereich vokal.

Auditiv – Gedicht
Oft finden sich sehr schöne Gedichte, welche dezent und einfühlsam zu einer bestimmten Musikthematik einstimmen können.

Der Gedichteinstieg spricht vor allem Kinder mit einem gewissen poetischen Gefühl bzw. einem generellen Gefühl für Sprache an. Allerdings: Die Qualität des Vortrages ist maßgeblich für die Stimmung! Oft – etwa bei längeren Gedichtpassagen oder bei bestimmten Begriffen, die gesondert behandelt werden wollen – bietet es sich an, dass Gedicht zusätzlich (durch Anschrieb, Folien- oder Video-Beamer-Projektion zu visualisieren, so dass dieser Einstieg auch audiovisuell durchgeführt werden kann.

Auditiv – Geschichte
Die Einstiegsgeschichte scheint des Lehrers liebstes Kind zu sein… Sie hat durchaus ihre Berechtigung, stellt allerdings nur einen Aspekt der Einstiegsmöglichkeiten dar: nicht jede Stunde kann über diesen Weg begonnen werden!

Um über eine Geschichte „stimmig einzustimmen“, sollte auf Einleitungen diesbezüglich „Ich hab euch da ´ne ganz tolle Geschichte mitgebracht und die ist superspannend aber ich kann die ja nur erzählen, wenn ihr ganz leise seid und ganz arg die Ohren spitzt, also, passt mal gut auf und hört gut zu. Weil, wenn ihr am laufenden Band stört … (usw.)“ weitestgehend (um nicht zu sagen: gänzlich!) verzichtet werden.

Eine gut erzählte (!) Geschichte hat durchaus ihre Berechtigung – allerdings darf sie nichts „toterzählen“! Und nochmals: Die Einstimmungsgeschichte stellt lediglich einen Aspekt dar.

Auditiv – Hörspiel
Der Text, den Lehrer gerne zum Einstieg selbst gesagt hätte – gesprochen von einem Bekannten auf Tonband, wirkt wesentlich interessanter (wir haben auf einmal einen „imaginären Gast“ in der Klasse.

Obgleich der Inhalt identisch ist, geht vom Medium „Hörspiel“ eine gewisse Faszination aus. Im Idealfall ist man dann noch in der Lage, diese im Hörspiel am PC mit kleinen Sounddateien „aufzupeppen“ – oder man hat einen „guten Bekannten“ …

Auditiv – Musik
Manchmal bietet es sich an, „direkt mit Musik“ zu beginnen. Oft wirkt sie von alleine einstimmend und leitet quasi zu sich selbst.

Diese Methode setzt allerdings eine (wirklich sehr kurze) Phase des Innehaltens voraus. Hierfür reicht in der Regel ein Impuls, auf welchen im Punkt 3. gesondert eingegangen werden soll. Dem sollte sich – beim Hören – eine Reflexionsphase anschließen, um die Musik nicht als „Mittel zum Zweck“ zu missbrauchen.

Gleiches gilt für eine Stunde, in welcher aktiv musiziert werden soll. Hier kann es oft sinnvoller sein, direkt mit dem Musizieren zu beginnen, als Einstimmungen vorweg zu schicken.

Taktil – Gegenstände
Gegenstände, welche für eine Thematik von Bedeutung sind (etwa eine Flöte für die Zauberflöte, Skulpturen für außereuropäische Musik, eine Lederjacke für die West-Side-Story usw.) sprechen oft die Phantasie der Kinder sehr stark an; Assoziationen öffnen sich leichter.

Die Einstimmung gestaltet sich noch stärker, wenn der Gegenstand ertastet bzw. erfühlt wird. Eine Schülergruppe, welche blind Beethovens Totenmaske ertastet hat, öffnet sich für die Musik stärker als die, welcher man erzählt hat, als wievieltes Kind Beethoven wann und wo geboren wurde …

Wenn es gelingt, ein bestimmtes Instrument zu besorgen, welches Unterrichtsgegenstand ist, drängt es sich auf, dieses Instrument zu befühlen und auszuprobieren, um sich „handlungsorientiert“ zu informieren.

Olfaktorisch – Duftlampen/Räucherstäbchen
Auch wenn sich dieser Reiz nicht allzu oft anbietet, findet er doch durchaus seine Berechtigung. Eine Stundensequenz über indische Musik werden Schüler weitaus intensiver fühlen, wenn ihr eine olfaktorische Einstimmung vorausging.

Fremde Gerüche öffnen ganz andere Kanäle als bisher beschrieben; darin sind sich die Lernbiologen einig. Die Veränderung der Luft alleine bewirkt oft Neugierde, Interesse und Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.

(Anm. Im Zeitalter der Allergien sollte man darauf achten, dass diese Gerüche wirklich nur zur Einstimmung dienen, also nach ca. 5 Minuten vor die Tür gestellt werden)

Haptisch – Improvisationsszene
Eine Schülergruppe, in welcher regelmäßig Rollenspiele durchgeführt bzw. geübt werden, ist in der Lage, gewisse Szenen zu improvisieren.

Diese Szenen können sehr schön in gewisse Thematiken einführen. Das Problem bei Improvisationsszenen ist, dass sie nicht allzu leicht „vorhersehbar“ sind. Von daher sollte diese Einstiegsvariante lediglich in geübten Schülerklassen, in welchen der Verlauf „relativ vorstellbar“ ist, durchgeführt werden.

Multisensorisch – „innere“ Saalveränderung
Ausgehend von einer dem Musiklehrer (und seiner Lerngruppe!) angemessenen Saalanordnung (glücklich ist, wer zwei Säle – einen zum Singen und Musizieren, einen zum Hören und Tanzen – besitzt) kann diese „ausnahmsweise“ verändert werden. Einige Möglichkeiten hierbei sind:

– (eventuell vorhandene) Tische wegräumen,
– Stühle anders arrangieren oder
– gänzlich zur Seite stellen,
– den Saal mit Matten auslegen,
– ihn verdunkeln oder mit Kerzen beleuchten
– ihn dekorieren,
– bunte Tücher auslegen,
– Duftlampen oder Zimmerbrunnen installieren,
– Kissen auf den Boden legen

Derartige Veränderungen erstaunen die Schüler zunächst. Das ist normal. Hierbei tut sich allerdings eine Phase auf, in welcher absoluter Freiraum für etwas Neues, Ungewöhnliches oder Besonderes ist.

Multisensorisch – „äußere“ Saalveränderung
Musik muss nicht immer im Musiksaal gehört oder gespielt werden. Tanzen kann auf dem Schulhof genauso von statten gehen wie Singen unter Bäumen möglich ist. Ein Lied für den Weihnachtsgottesdienst kann in der Kirche geübt werden (um in diesem Zusammenhang gerade noch die Orgel zu zeigen und auf die akustischen Phänomene von Kirchen – und deren theologische Begründung – einzugehen.

Obgleich solche Exkursionen anfangs zunächst mehr Unruhe mit sich bringen als „in den eigenen vier Wänden“, rentiert sich diese Saalveränderung allemal. Im ungewohnten Umfeld bleiben solche Stunden oft stärker in der Erinnerung verankert.

Rätsel
Ob gesprochen, über Tonband, an der Tafel, auf dem Arbeitsblatt oder im Filmbeitrag: Rätselraten macht Spaß und ist in der Regel lehrreich.

Es erfordert geistige Leistung, Selbsttätigkeit und fördert Kommunikationsaspekte.

Provokation/Bluff/Täuschung
Eigentlich eine Technik während des Unterrichtsgesprächs, können doch diese Aspekte eine reizvolle Einstimmung bieten.

Verfremdende Varianten (den Inhalt, die Denkensweise oder die Schüler an sich betreffend) lassen Schüler zweifeln, grübeln und aktiv teilnehmen, vorausgesetzt, dass die Art so gewählt ist, dass die Schüler weder überfordert werden noch sich „veräppelt“ fühlen …