Klassenmusizieren

Klassenmusizieren

Klassenmusizieren
Mittlerweile gibt es für nahezu jeden aktuellen Titel aus dem Rock- und Popbereich, zu Evergreens, Oldies aber auch zu klassischen Werken Klassenmusizier- bzw. Mitspielsätze.

Dort, wo keins auf dem „regulären Markt“ erhältlich ist, finden sich mit Sicherheit Kollegen, welche bereits für „Klassenorchester- bzw. –band“ arrangiert haben. Mithilfe des PCs lassen sich (etwa in Logic Fun ©) sehr leicht eigene Arrangements, die dem Stand der jeweiligen Klasse angepasst sind, arrangieren.

Beim Erarbeiten im Klassenverband sollte man darauf achten, dass das „Band-Coaching“ nicht derart konzipiert ist, dass sich der Lehrer sehr lange etwa dem Gitarristen widmet, währen der Rest der Klasse wartet.

Die didaktische Struktur sollte nach Möglichkeit so aufgebaut sein, dass so oft wie möglich alle Schüler erarbeiten. Um dies zu ermöglichen, bietet es sich an, zunächst einmal die Klasse in Kreisform aufzustellen und dabei einen Puls vorzugeben, der mit Stampfen (auf „eins“ und „drei“) und Schnipsen (auf „zwei“ und „vier“) gehalten wird.

Singen bzw. die Arbeit mit der menschlichen Stimme sollte auch hier Unterrichtsprinzip sein! So können nun die einzelnen rhythmischen Figuren in der patternorientierten Erarbeitung zunächst auf „Vocussion-Ebene“ geübt werden, so dass alle Schüler zunächst alle (verschiedenen) Rhythmen üben.

Anschließend kann man „Stück für Stück“ in die Mehrstimmigkeit übergeben.

Das Gelernte wird nun auf das Instrument übertragen, wobei dies im Idealfall (!) so aussieht, dass die Klasse nach wie vor den „Groove hält“, während der Lehrer zunächst mit einem (oder mehreren) Schlagzeugern dazu spielt. Anschließend kommt die Percussion hinzu, der Bass, Gitarre, Keyboards, Xylophone usw. – ohne den Groove abzubrechen. Nonverbales Agieren steigert hier die Konzentration der Gruppe!

Je geübter eine Klasse in dieser Technik ist, desto schneller kommt sie voran. Anfangs sollte man darauf achten, dass jede neue rhythmische Figur auf der zuvor gelernten aufbaut, so dass nur wenig Neues dazu kommt.

Die Kritik dieser Erarbeitungsweise liegt in der Tatsache begründet, dass sie, wenngleich alle Schüler gleichzeitig musizieren und sich somit der Gedanke des schülerzentrierten Arbeiten aufdrängt, sie doch sehr lehrerzentriert bzw. –dominant ist.

Diese Technik setzt vom Lehrenden ein gewisses Repertoire an Pattern voraus, welches vor allem Jazz- und Rock- bzw. Popmusiker innehaben. Ein vorwiegend „kunstmusikalisch“ ausgebildeter Lehrer kann hiermit zumindest Anfangs einige Probleme haben.

Das „aktive Verhaltensrepertoire“ der Schüler wächst zwar durch diese Lerntechnik; ein selbständiges Erarbeiten neuer Strukturen wird zumindest visuell nur wenig gefördert.

Von daher sollte die „groovige“ Erarbeitung öfter mit visueller Erarbeitung gemischt werden, um Eigeninitiative der Schüler zu fördern und somit den Umgang mit völlig unbekannter Musik selbständig zu ermöglichen.

Rock-, Pop- und Jazzmusiker legen allerdings den Schwerpunkt auf „auditive“ Erarbeitung; sie „hören“ sich „Stücke raus“. Hierin liegt ein scheinbar nur schwer zu überwindender „Streitpunkt“ der beiden Fronten. Dort, wo der vornehmlich kunstmusikalisch geprägte Musiklehrer seiner Meinung nach völlig zu Recht den Scherpunkt auf das Notenbild legt, legen die Kollegen der „Gegenfraktion“ ihr Hauptaugenmerk – wiederum völlig zurecht – auf das „Heraushören“ …

Wie immer scheint die Wahrheit in etwa in der Mitte zu liegen; weder das eine noch das andere sollte vernachlässigt werden, denn beide Vorgehensweisen haben ihre Vorteile und ihre Tücken. Ein Hauptziel, so vielen Schülern wie möglich den handelnden Umgang mit Musik zu ermöglichen, kann und darf keine Technik und keine Musikgattung „zensieren“ und somit ausschließen.

Klassenmusizieren ist vor allem in Deutschland auf die Bestrebungen Wulf-Dieter Lugerts und Volker Schütz’ (und einiger anderer Autoren) zurückzuführen, welche sich schon Anfang der 80er Jahre verschärft für aktives Musizieren im Klassenverband einsetzten.

Was anfangs noch in der Musikdidaktik leicht belächelt wurde (Rockmusik im Klassenzimmer?) ist mittlerweile zum Trend geworden. Diskussionen hinsichtlich gesteckter und für realistisch erachteter (und auf der anderen Seite als aktionistisch oder schlichtweg methodisch falsch eingeschätzter) Lernziele sind glücklicher Weise längst hinfällig; das Klassenmusizieren hat sich weitestgehend etabliert.

Klassenmusizieren als ein (!) Teil der elementaren Musikausbildung verinnerlicht einen wahren Fundus an Instrumenten, Spieltechniken, Arrangements in Verbindung mit weitestgehender stilistischer Mixtur. Dort, wo bislang Schüler ein Werk mehr oder weniger erfolgreich lediglich über Ohr und bestenfalls auswendig gelerntes Tafelbild vermittelt wurde, entwickelte sich – aus den USA stammend – die Methode, Schüler „handelnd“ zum Verstehen zu führen.

„Lass es mich tun und ich werde verstehen“ wusste Konfuzius etwa 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung; spätestens die Reformpädagogen schenkten ihm Glauben. Von Carl Orff im Schulwerk manifestiert, wurde es doch mehr von „Orffianern“ praktiziert. Gegen Ende der 60er Jahre geriet das Ensemblespiel im Klassenverband wieder stark in Vergessenheit und blüht zur Zeit in einer Art Renaissance.

Vom Mitspielsatz zur Mozartsymphonie über Arrangements für Bodypercussion bis hin zur komplexen stomporientierten Performance ist mittlerweile nahezu jedes denk- und undenkbare Stück Musik speziell für Schulklassen geschrieben worden. Vom Lernzuwachs des handelnden Menschen wissend, sind Klassenmusiziersätze in der Regel (völlig zu Recht!) lernzielorientiert. Gewisse harmonische, melodische oder rhythmische Abläufe sind durch das Üben wesentlich einfacher nachzuvollziehen.

Das Spielen (und somit Nachvollziehen) bestimmter Sequenzen hat eine völlig andere Dimension und Qualität als das Hören und anschließende Analysieren einer Musik.

Weiterhin liegt ein großer Vorteil des Klassenmusizierens in den Möglichkeiten der Binnendifferenzierung. Dort, wo begabte Schüler durchaus komplizierte Stücke lesen und musizieren können (und wollen), gibt es immer wieder Schüler, deren Neigungen und Talente in anderen Fachbereichen stärker erkennbar sind. Ein auf die Klasse zugeschnittenes Arrangement ermöglicht allerdings, nahezu jeden Schüler dort abzuholen, wo er zurzeit steht.

Dies setzt anfangs ein wenig Mühe im Arrangieren bzw. Reduzieren des Satzes voraus. Im Laufe der Zeit routiniert sich diese Technik allerdings merklich und oft ist es möglich, ein Stück „ad hoc“ der jeweiligen Gruppe anzupassen.

In der Praxis haben sich folgende methodische Schritte etabliert:

– Nach Möglichkeit sollte die Erarbeitung über Stimme (ein Unterrichtsprinzip!) und Körperinstrument (Bodypercussion; Stampfen, Schnipsen, Patschen etc.) erfolgen.
– Als besonders effektiv erachten viele Autoren das mentale Musizieren, indem die Musik innerlich (evtl. zum Hörbeispiel, welches ggfs. taktweise ausgeblendet wird) nachvollzogen wird. Hierdurch wird die Konzentration und somit auch das musikalische Denken (Gordon: „audiation“) gefördert.
– Klassenmusizieren soll von allen (!) Schülern praktiziert werden!
– Die Arrangements sollen der jeweiligen Lerngruppe differenziert angepasst werden.
– Nach Möglichkeit sollten alle Schüler alle wichtigen Stimmen erarbeiten, um ggfs. die Instrumente zu tauschen.
– Der methodische Weg soll induktiv und sich steigernd gewählt werden.
– Darüber hinaus haben sowohl die Musiker als auch das Arrangement ein Anrecht auf öffentliche Aufführung, was mit eingeplant werden sollte, ohne Leistungsdruck zu fördern.