Emotionales Hören

Emotionales Hören

Emotionales Hören
Emotionales Hören stellt insofern eine Besonderheit dar, als die Ergebnisse nicht explizit-zielgerichtet und somit – im weitesten Sinne – nicht immer vorhersehbar sind.

Das Verbalisieren von Gefühlen ist eine Fähigkeit, die viel Übung erfordert. Weiterhin besteht ein Problem des emotionalen Ausdrucks in der Tatsache begründet, dass die Aussage „mich macht die Musik traurig“ vom Sender durchaus anders verstanden werden kann, als sie der Empfänger wahrnimmt …

Die „Wahrheit“ bzw. den Kern einer Aussage erfährt man in solch einem Fall durch das vom Lehrer geliebte „Nachharken“ was allerdings – weil lehreradäquat – seinerseits wiederum Blockaden auslösen kann.

Gesprächsführung
Das Spiegeln nach Rogers stellt eine Methode dar, in welcher der Zuhörende den Inhalt des Erzählenden in anderen Worten wiedergibt, um zunächst zu hinterfragen, ob das Gesagte richtig verstanden wurde und um gleichzeitig zu demonstrieren, dass man die Emotionen des anderen wahr- und annimmt.

Über diesen Weg kann es gelingen, emotionale Blockaden des Erzählenden zu lösen bzw. ein Aufkommen zu verhindern.

Somit wäre der Gesprächsanlass „ … mich macht die Musik traurig“ nicht durch die Frage nach dem „warum“ fortzusetzen sondern vielmehr über das Aufgreifen des Gedankens „Du wirst jetzt also betrübt?“, um dem Erzählenden Freiraum zu lassen, seine Emotionen weitergehend auszudrücken.

Oft kommt hier der Faktor „analytisches Hören“ erneut ins Spiel – eine Trennung ist oft nur sehr schwer zu leisten.

Verbalisieren
Den Gefühlen Ausdruck zu verleihen, setzt das Vorhandensein eines gewissen Vokabulars voraus. Oft erkennen Schüler zwar die wesentliche Aspekte in der Musik, können diese allerdings nur schwer verbalisieren, meist weil ihnen „die Worte dafür ausgehen“ …

Die Technik der „hintergründigen Wiederholung“ dient der aktiven Wortschatzerweiterung. Anfangs beschreiben – vor allem in jungen Klassen – Schüler eine Musik meist als „schön“ oder „traurig“. Im Laufe der Zeit, also nach einer gewissen Übungsphase, sind sie in der Lage, diese Begriffe zu differenzieren, so dass schön durchaus in Nuancen wie „märchenhaft“ oder „romantisch“ unterteilt werden kann.

Solche Begriffe müssen manchmal vorgegeben werden. Schüler brauchen Zeit, um diesen Wortschatz wachsen zu lassen. Hier muss gegebenenfalls geholfen werden, wobei die Kunst in der Dosierung (nicht weniger als möglich und nicht mehr als nötig) liegt. Bisweilen müssen auch Empfindungen, welche scheinbar losgelöst von der Intention des Komponisten sind, einfach „stehengelassen“ werden.

Fabulieren
In Hörbeispielen mit Programmmusik bietet sich ein Impuls in der Art „Diese Musik erzählt eine Geschichte …“ an.

Hier fällt dem Lehrer die Rolle des Moderators (also der Idealfall eines Unterrichtsgespräches) zu. Ihm wird die Aufgabe der Koordination zuteil, er verstärkt und lenkt.

Beim Fabulieren sollte wie beim „brainstorming“ vorgegangen werden: jede Antwort ist richtig; es gibt kein „falsch“ und unter synergetischem Aspekt ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile.

Schreiben zu Musik
Wenngleich diese Technik von den Deutschkollegen ausging, hat sich durchaus ihren Stellenwert im Musikunterricht:

Zu einer (nach Möglichkeit eindeutigen) Programmmusik sollen die Schüler versuchen, eine passende Geschichte zu schreiben. Das Hörbeispiel sollte hierfür nicht zu lange sein; gegebenenfalls kann es mehrmals wiederholt werden.

Wichtig ist, dass nicht die Phantasie sondern lediglich die Musik leitet. Dies muss anfangs geübt werden. Hier bietet es sich an, zunächst ein Hörprotokoll anzufertigen, auf welchem drei bis fünf Stichworte aufgeschrieben werden. Dies kann anfangs durchaus geleitet werden, so dass alle Schüler mit den gleichen „Überschriften“ arbeiten.

In der Regel sind die Arbeiten am Ende zwar sehr unterschiedlich, dafür aber oft sehr poetisch und einfühlsam.

Malen zu Musik
Anders als beim gegenstandslosen Malen, welches beim analytischen Hören angewandt werden kann und auf das Erkennen von Formverläufen zielt, soll dieses Malen dem Darstellen von Emotionen dienen.

Die Materialien sollten nach Möglichkeit ansprechenden Charakter haben (etwa Plakafarbe auf Wellpappe oder Wachsfarbe auf Zeitungspapiercollagen usw.) Der Hörauftrag begrenzt sich auf das Darstellen der Musik, dem sich hinterher die Präsentation (mit Künstlerinterview) anschließt.

Eine weitere Alternative besteht darin, ein Bild in Partner- oder Gruppenarbeit anfertigen zu lassen, wobei dieses auf ein Gesamtbild (und nicht auf vier bunte Ecken) zielen soll, was allerdings Teamfähigkeit und nonverbale Kommunikationstechniken in der Gruppe voraussetzt.

Formen – Basteln – Schaffen
Hierfür sind alle denkbaren (und undenkbaren) Materialien geeignet, mit welchen sich etwas „darstellen“ lässt, um somit Klänge zu versachlichen.

Besonders bewährt haben sich Knete, Ton, Müll (!) und Schrott aus welchen die Schüler etwas schaffen sollten. In einem zweiten Schuljahr haben beispielsweise alle (!) Schüler beim Hören von „Gnomus“ ein monsterähnliches Wesen geknetet.

Eine weitere sehr interessante Arbeit stellt das Spiel mit farbigem Sand dar, wie es bei den tibetischen Mönchen üblich ist. Dies lässt sich sowohl in Einzel- als auch in Gruppenarbeit durchführen. Wobei man auch hier darauf achten soll, dass nach Möglichkeit die Musik so genau wie möglich umgesetzt wird.

Darstellen
Auch hierbei handelt es sich um einen „Klassiker“ der Hörerziehung. Ein oder mehrere Schüler versuchen, sich musikadäquat zu bewegen.

Das Bewegen an sich bildet einen sehr schönen und vor allem oft eindeutigen Zugang zu Musik. Auch hier lässt sich solistisch oder auch in Gruppen (auch unter Anleitung eines Regisseurs) arbeiten. Die Aufführung muss analysiert und besprochen werden.

Besonders reizvoll kann es sein, wenn zwei Gruppen scheinbar unterschiedliche Musik darstellen und einander vorführen, wobei das Hörbeispiel so gewählt ist, dass beide Gruppen das gleiche darstellen.

Standbild
Diese Übung stammt aus dem Bereich der Schauspielübungen. Zu einem Hörbeispiel schafft ein „Künstler“ ein Standbild bzw. ein „Foto“, mit welchem er versucht, die Musik darzustellen.

Standbilder haben bei Anfängern oft den Charakter von „Überschriften“; im Laufe der Zeit und mit zunehmender Routine wächst allerdings das Verhaltensrepertoire der Schüler, so dass auch hierdurch sehr gut emotionale Abläufe dargestellt werden können.

1 Kommentar

  1. Strebetendenz-Theorie: Warum klingt Moll traurig?

    Die Strebetendenz-Theorie sagt, dass Musik überhaupt keine Emotionen vermitteln kann, sondern nur Willensvorgänge, mit denen sich der Musikhörer identifiziert. Beim Vorgang der Identifikation werden die Willensvorgänge dann mit Emotionen gefärbt.

    Bei einem Durakkord identifiziert sich der Hörer mit dem Willensinhalt „ja, ich will!“, bei einem Mollakkord mit dem Willensinhalt „ich will nicht mehr!“. Der Willensinhalt „ich will nicht mehr!“ kann als traurig oder als wütend erfahren werden, je nachdem, ob ein Mollakkord leise oder laut gespielt wird. Wir unterscheiden hier genauso, wie wir unterscheiden würden, wenn jemand die die Worte „ich will nicht mehr!“ einmal leise flüstert und einmal laut herausschreit. Im ersten Fall klängen sie traurig, im zweiten wütend.

    Auf ähnliche Weise kann die Strebetendenz-Theorie die Wirkungen anderer Harmonien erklären. Zur Strebetendenz-Theorie gibt es jetzt einen Wikipedia-Eintrag:
    http://www.de.wikipedia.org/wiki/Strebetendenz-Theorie
    und einen Artikel im neuen Musikforum des Deutschen Kulturrats auf Seite 52:
    http://www.kulturrat.de/dokumente/MuFo-01-2015.pdf
    Bernd Willimek