Michael Fromm
(19 Kommentare, 205 Beiträge)
Dieser Benutzer hat keine Profilinformationen angegeben
Beiträge von Michael Fromm
Weil wir‘s können …
0Weil wir‘s können …
Von einem, der die digitale Notbremse ziehen will
Aus gegebenem Anlass, weil es mir hier in ähnlicher Form begegnet ist, an dieser Stelle nun der komplette (und ungekürzte) Text, des in der “Musikunterricht und Computer 2013″ erschienenen Artikels:
Zugegeben – ich bin auch auf diesen Zug aufgesprungen und vielleicht sogar so arg, dass ich mich eine Zeit lang als diesem Bahnpersonal zugehörig gefühlt und vielleicht das ein oder andere Mal nach der Lokomotivführermütze oder zumindest nach Abfahrtskelle oder Trillerpfeife geschielt habe … Denn: Ich bin schon ein kleiner Nerd. In der iWelt zuhause, bin ich einer jener Jungs, die natürlich den Mac zuhause stehen haben, das MacBook für unterwegs mit sich rumtragen, sich sofort mit Enthusiasmus auf iPhone und iPad stürzten, mit großer Freude kleine Applikationen sammeln und gerne mal zehn oder mehr Stunden Recherche und Einarbeitungszeit aufbringen, um dann etwas zu finden, was bei gewissen Aufgaben ein oder gar zwei Minuten Arbeitserleichterung bringen kann … Immer auf der Suche nach dem optimalen Workflow im digitalen und vor allem (nahezu) papierlosen Büro spielt natürlich computerunterstütztes Arbeiten auch im Unterricht bei mir eine große Rolle.
Aber nichtsdestotrotz wurde mir im Laufe der letzten Jahre die Reise zu schnell (vielleicht auch, weil ich älter werde), das Tempo zog an, die Stationen wurden weniger bzw. rasten viele ehemalige Haltepunkte scheinbar unaufhaltsam an mir vorbei und der nächste Halt schien nahezu unerreichbar, wobei ich weiterhin sehr viele Leute sah, die an alten Bahnsteigen stehen blieben …
Ich glaube, die erste mich nachdenklich stimmende Weiche war jene, die unmittelbar zu einer Station lenkte, welche von heute auf morgen zum Knotenpunkt schlechthin in der Schulwelt erkoren wurde: Smartboard. (Und am liebsten hätte ich noch ein Ausrufezeichen hinter den Begriff gesetzt. Verdient hätte er es sich ja, so wuchtig und mächtig er in letzter Zeit geworden ist.)
Gerade noch wurde jedem frontalen Agieren mit Höchststrafen gedroht (man hörte von Studienseminaren mit drakonischen Maßnahmen) und im offenen, individualisierten, selbstgesteuerten, freien aber auch am Dialog und am Prozess orientierten Arbeiten die Lösung jeglicher Probleme erkannt, als plötzlich – und niemand wusste woher (und kaum jemand fragte sich, warum) – smarte Firmen eine Ultimativlösung anboten: Endlich konnte erklärt, demonstriert, aufgezeigt, eingefügt, ergänzt, verschoben, konvertiert, mit Audio und Video versehen, in Dateien verpackt, hoch- und runtergeladen, und sogar handschriftlich (!) erweitert werden. Von heute auf morgen stand (Hartmut von Hentig lachte sich ins Fäustchen) die Tafel und somit der Lehrende wieder im Mittelpunkt – allerdings im latent-neuen Gewand und in erster Linie: kostenintensiv.
Dort, wo in den 90ern Tafeln abgehängt und Platz für Stellwände, Wandzeitungen, Packpapierbahnen, Moderationskärtchen, Klebepunkte und Whiteboards geschaffen wurde, nutzen Hausmeister die frisch zugekitteten Löcher, um alten Wein in neuen Schläuchen anzudübeln.
Und schwanger stand die Frage im Raum, wo um alles in der Welt denn ein (didaktischer) „Mehrwert“ eines Smartboards liegt. Ist es wirklich ein Mehrwert, wenn plötzlich Grafiken von A nach B geschoben, Texte mit digitalen Stiften unterstrichen, Videos abgespielt, mp3-Dateien gehört und alles schön abgespeichert werden kann – und das alles allein aus der Begründung heraus, dass es die Kinder fasziniert und bei der Stange hält? Ist es wirklich ein Mehrwert, eine teure Frontaleinheit zu installieren, für deren Kosten man bequem vier (oder noch mehr!) Rechner und einen Beamer kaufen könnte, also somit zum einen eine Reihe von Schüler-Arbeitsplätzen, zum anderen weiterhin digitale Präsentationen ermöglicht werden kann?
Und wäre da nicht die Kollegin gewesen, die mir voller Stolz erklärte, dass so ein Smartboard „ ja Computer und Beamer und Internet – alles in einem“ ist und „dass da schon alles drin“ sei, ich glaube, ich hätte es auch nicht gemerkt, denn immerhin schienen die Möglichkeiten anfangs auch unbegrenzt und man träumte von einem Pool, der einem Füllhorn gleich Materialien bis zur Pensionierung zur Verfügung stellen würde.
Nichtsdestotrotz gibt es allerdings nach wie vor die Situation, dass ein Smartboard auch ein Betriebssystem und verschiedene Programme hat, die abstürzen können (und es auch tun), dass Updates gewartet werden müssen, dass die Gerätschaft störanfällig ist und Kabel, Stecker und Buchsen vorhanden sind, die bedient und richtig angeordnet (oder gar mit Adaptern kompatibel gemacht) werden wollen, so dass irgendwann die Frage im Raum steht: Wo ist denn einer, der diese Arbeiten übernehmen kann? Und meist sind‘s dann jene, die sich gerne mit digitalen Dingen beschäftigen und weiterhin in einer Enklave ihr Dasein fristen und neben der Wartung des Computerraumes und der Website eine weitere Baustelle zu betreuen haben.
Denn eines habe ich auf der digitalen Reise gelernt: Im Schulbetrieb sind nicht nur sehr viele Menschen links und rechts der Bahnstrecke stehen und liegen geblieben – es gibt sogar eine nicht geringe Anzahl von Lehrern, welche glücklich und zufrieden weit abseits dieser Gleise leben. Und das gut und gerne – und ohne, dass ihnen etwas fehlt.
Natürlich gibt es Verweigerer („Ich lasse mir das nicht vorschreiben!“), ewige Nörgler („Was soll das sein – Informationszeitalter? Die sind ja noch nicht mal über richtige Rechtschreibung informiert!“), Kulturpessimisten („Was ist das für eine Gesellschaft, in der digital kommuniziert wird?“) und Reichsbedenkenträger („Ein Abiturient kommt nicht vorbei an Goethe, Schiller, Rembrandt, van Gogh, Haydn, Mozart, Mahler …“), die ihrerseits auch mit lautem Applaus die Gegentrends der Gegenseite auf ihre Fahnen schreiben und Dr. Spitzers Befürchtungen der digitalen Demenz schon immer ahnten und darin den Beweis finden, völlig zurecht jedes Kabel, an welchem kein Overheadprojektor hängt, im Klassenzimmer zu verbannen.
Aber haben sie nicht auch ein kleines bisschen Recht? Wenn wir auf der einen Seite von der vielzitierten Bildungsschere wissen, wissen wir auf der anderen Seite auch davon, dass es in der digitalen Welt eine ähnliche, vielleicht sogar noch schärfere Schere in den eigenen Reihen gibt?
Eine kleine – völlig subjektive (!) – Bestandsaufnahme im Kreise meiner Kolleginnen und Kollegen (Grundschule, Hauptschule und Studienseminar; Kleinstadt, ca. 30.000 Einwohner) ergab im letzten Jahr:
Von ca. 100 Lehrern im Alter von 25 – 63 Jahren:
- hat außer mir noch einer einen Tablett-Computer
- haben ca. fünfzehn Kollegen ein Smartphone; ein Stöbern im Appstore findet bei keinem statt – man vertraut auf Empfehlungen im Bekanntenkreis
- hat außer mir niemand einen eBook-Reader bzw. hat niemand Verwendung für ein solches Gerät („Ein Buch will ich anfassen …“)
- nutzen sechs Kollegen einen mp3-Player beim Sport; bei drei Kolleginnen ist das der ausgediente iPod der Kinder, die das Gerät auch befüllen
- haben drei Kollegen zum Computer zuhause noch ein weiteres Notebook für unterwegs
- kann außer mir noch einer ein Audiobearbeitungsprogramm bedienen
- haben sich zwei Kollegen an ein Videobearbeitungsprogramm herangetraut und sind daran gescheitert
- nutzen zwei einen Mac
- nutzt niemand Linux
- kennen zwei Lehrende die Plattform Moodle
- weiß niemand, was das Anti-Viren-Programm wirklich tut
- hat niemand bislang ein Betriebssystem neu aufgespielt (ein Kollege nannte allerdings einen Wartungs- und Reparatur-Spezialisten („Willy“, selbständig), der, wie sich herausstellte, solche und ähnliche Arbeiten bei mindestens zwanzig anderen Kollegen bereits vorgenommen hat und gerne weiter empfohlen wird
- hat niemand eine Website erstellt bzw. mit einem Template gearbeitet
- können ca. zehn Dateien zuverlässig konvertieren (*.doc nach *.pdf; *.jpeg nach *.tif, *.mp4 nach *.mov etc.); eine Kollegin weiß aber, dass ihr Sohn das kann
- nutzt niemand Twitter
- weiß niemand, was ein RSS-Feed ist
- sind drei bei Facebook vertreten
- nutzen zwei Online-Banking
- hat niemand bislang Musik digital (bei amazon oder iTunes) gekauft (die Frage nach eBooks erübrigt sich in meiner Statistik)
- wusste niemand, was Cloud-Computing ist
- wusste niemand, was ein Wiki ist – der Wikipedia steht man äußerst skeptisch gegenüber, nutzt sie allerdings doch „wenn‘s schnell gehen muss …“
Dies konnte ich zumindest dahin ändern, als ich dropbox vorstellte, was von mindestens 20 Kolleginnen und Kollegen mit Begeisterung aufgenommen wurde. Eine Nachricht, dropbox habe Probleme mit der Datenverschlüsselung, führte dann allerdings dazu, dass letzten Endes noch sieben Kollegen den Service weiterhin nutzten – aber dies mit Begeisterung.
Derzeit wagen wir uns an die Arbeit mit EtherPad. Mit mäßigem Erfolg
Und um der Genderwissenschaft genüge zu leisten: Keine meiner Kolleginnen hat bislang alleine ein Upgrade durchgeführt oder Software installiert; Sätze wie „Was macht er denn jetzt?“ bzw. „Wieso machst Du das nicht?“ glaubten alle weiblichen Befragten schon mehrfach zu ihrem Computer gesagt zu haben.
Darüber hinaus schien es bei nahezu allen Lehrenden durchaus die Regel zu sein, das gewisse Programme nicht so funktionieren, wie es vorgesehen ist, was im Grunde nicht sonderlich verwundert, denn so gut wie keiner hat bislang Software gekauft: Die bekommt man von Kollegen, von Freunden oder von den Kindern bzw. wurde sie beim Aldi- oder Media-Markt-Paket zum Betriebssystem mitgeliefert. Die Tatsache, dass Peripheriegeräte von heute auf morgen nicht mehr in gewohnter Art und Weise reagieren wird als „so gegeben“ hingenommen und ein zuverlässiger Rechner, der störungsfrei die Aufgaben des Alltags übernimmt ist eher die Ausnahme.
Während sich also meine Nerd-Freunden auf Gleis 1 darüber den Kopf zerbrechen, wie die Performance des Moodles optimiert werden kann, welcher Nutzen durch eine Integration von Google+ gezogen und wie ein Twitter-Client mit mehreren Accounts genutzt werden könnte, pflegen meine Kollegen ihre angrenzenden Schrebergärten und verkünden, dass „ihr Word“ keine „so Akrobat-Dateien“ öffnen kann, sie ihre Mails nur mittwochs abrufen und der für die Konferenz wichtige Anhang gelöscht wurde – „weiß ja jeder, dass in diesem Zip-Zeug immer Viren sind!“.
Dort, wo allein von Dienstwegen her kein Kind auf der Strecke bleiben darf und alle mitgenommen werden, sieht man im eigenen Kollegium Zugführer in abgehängten Waggons in Kursbüchern von vor über zwanzig Jahren blättern. Eine Inspektion scheint auf beiden Seiten nicht vonnöten zu sein: Hochgeschwindigkeit auf der einen und wehmütiges Zurückblicken auf auf der anderen Seite. Spöttisches Belächeln in Richtung der Zurückgebliebenen und wohlwissend-grinsendes Kopfschütteln zu den nach vorne Preschenden. Und ein Sammelpunkt ist nicht in Sicht – beiden Routen entfernen sich immer mehr voneinander.
Dass die Reise in den hölzernen Waggons guter alter Analog-Schule als beschwerlich, vielleicht nach heutigem Dafürhalten sogar stellenweise als unzumutbar bezeichnet werden kann, ist unumstritten. Ein völliges Negieren digitaler Unterrichtsmittel hieße, die Dampflock zu reaktivieren – wobei gewisse nostalgische Aspekte aber immer noch durchaus reizvoll sein können, denn ein schöner und gut gegliederter Tafelanschrieb kann nach wie vor faszinieren, ebenso wie eine prägnante und durchdachte Frontalunterrichtssequenz. Aber ist die am Puls der Zeit orientierte Fahrt in den modernen Abteilen wirklich um so viel bereichernder und gewinnbringender?
Ich muss zugeben, ich habe sie genossen, die glänzende und moderne Umgebung im Hochgeschwindigkeitszug, habe mich mit den Mitreisenden köstlich amüsiert über die Digital-Analphabeten, die E-Mail-Ausdrucker, die Draufklick-Feiglinge, die Nach-Festnetz-Nummer-Frager, die E-Collaboration-Vermeider und die Telekom-Vertragsinhaber. Und fast schon war ich drauf und dran, auch endlich an einem Barcamp unter Gleichgesonnenen teilzunehmen. Denn dort schritt alles uneinholbar voran: Über gedoodelte Termine initiiert, die nach Möglichkeit nur über QR-Codes verbreitet wurden, diskutierte, entwickelte, kommentierte man – und das alles unmittelbar direkt und für alle gut sichtbar auf großen Twitterwalls (nicht oldschool, nicht face to face, das war ja so was von 90er … ). Man arbeitete fehlerfreundlich, streamte Vorträge und Diskussionen und rang protokollierend um Minimalkonsens, was in Wikis und somit in einem sich selbst dokumentierenden Verlauf festgehalten wurde und war sich letzten Endes darüber einig, dass diese Arbeitsweise die einzige der Zeit angemessene war, welche unmittelbaren Einzug ins Schulgeschehen zu nehmen hatte. Letzten Endes fußte alle in der Vision digitaler, frei zugänglicher und veränderbarer (open source) Unterrichtsmaterialien (education) durch Open Educational Resources (OER).
Doch noch bevor ich richtig einstieg und mitfahren konnte, erschien (zumindest aus meiner Warte) die Reise in einen Sackbahnhof zu führen und ich zögerte das Ticket zu lösen.
Das, was einst so neuartig, so wichtig und für die Schule unabdingbar schien, kam mir nur noch vor wie Brunftschreie einer kleinen Szene, die vordergründlich mit stolzgeschwellter Brust vom eigenen Vermögen kündete. Die Kluft zwischen denen, die können und denen, die noch nicht mal die Bereitschaft zum Ausprobieren entwickeln, wächst immer stärker. Und statt die (ohne Frage vorhandenen) Kompetenzen in den Dienst eines kritischen Hinterfragens nach einem für die Schule relevanten Mehrwert zu stellen, scheint die Freude am Können (und bestimmt auch die Freude am Aufzeigen desgleichen) blind für Vergangenes, Vorhandenes und Bewährtes zu sein und auch einen Dialog unmöglich zu machen. Letzten Endes wird nahezu jeder digitale Trend aufgegriffen und unreflektiert in jedwedes unterrichtliche Geschehen gepresst, frei nach dem Motto: „Weil wir‘s halt können …“
Ein nächster und vor allem einprägsamer Halt war für mich Twitter. Es erschien vordergründig äußerst reizvoll, alles einmal kurz und prägnant auf den Punkt zu bringen. In 140 Zeichen formuliert, mit Hashtags ergänzt schien diese Möglichkeit der Kurznachricht prädestiniert, um kleine Notizen für alle erreichbar zu veröffentlich. Dabei bleibt es ohne Frage, dass es reizvoll sein kann, diese Möglichkeit in den Unterricht zu integrieren und somit aufkommende Schülerfragen, Ergänzungen und Kommentare zu sammeln, die später gestellt werden können und somit einen Vortrag als solchen ununterbrochen gestalten (lassen) zu können. Das ist für die Schüler motivierend, es aktiviert, beeinflusst bestimmt das Arbeits- oder Lernklima und stellt eine Bereicherung in der Methode dar – nur: Ist es wirklich ein Mehrwert? Ließen sich diese Dinge nicht auch mit Zetteln, mit Tafel, mit Kärtchen oder mit Post-Its erreichen? Um bei der Bildungsschere zu blieben: Können wir wirklich behaupten, dass *alle* Schüler auch Zugang zu den hierfür nötigen Gerätschaften und dem hierfür erforderlichen Internet-Zugang haben? Wie soll die hierfür erforderliche Evaluation gestaltet werden und welche Konsequenzen werden daraus abgeleitet? Ist es angemessen, wenn ein Lehrer eine Arbeitsphase mit: „Wer ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop hat, darf jetzt twittern, die andern können an die Tafel schreiben“ einleitet?
Abgesehen davon bleibt für mich immer die Frage nach Schülern mit LRS, AD(H)S oder sonstigen Krankheitsbildern, die konzentriertes Arbeiten in der Schule erschweren. Soll hier allen Ernstes noch mit einem Medium gearbeitet werden, das geradezu prädestiniert ist, die Aufmerksamkeit gezielt in allmögliche Aspekte abzulenken? Ist es nicht auch ein wenig die Aufgabe der Schule, dem sich immer weiter ausbreitenden Trend, dem gesprochenen Wort eines Referierenden surfend und auf einen Bildschirm starrend scheinbar nur beiläufig (die offizielle Ausrede heißt „multitaskfähig“ – man schaue sich einmal Land- oder Bundestagsdebatten an) zu folgen zumindest in Ansätzen erzieherisch bzw. Alternativen aufzeigend zu begegnen?
Und so ließen sich meine vom Reisefieber genesenen Gedanken nahezu unendlich weit fortsetzen. Ich frage mich, inwiefern denn auf Biegen und Brechen Wikis erstellt werden müssen, wo eine Zusammenarbeit mit Papier in keiner Weise schlechter wäre, weshalb Lehrer die Hausaufgaben via Facebook bekannt geben und warum Schülerergebnisse ungefiltert ins Internet und damit für jeden frei zugänglich gestellt werden.
Ist denn dem Computer wirklich völlig unreflektiert der Vorrang zu geben – nur weil es geht? Und ist letzten Endes die (laute und sensationsheischende) Polemik Schnitzers nicht doch ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen?
Ich frage mich weiterhin, inwiefern denn dem Begleitpersonal nicht eine gewisse Fürsorgpflicht obliegt – und das sogar in mehrdimensionaler Hinsicht: Muss denn nicht mancher Schüler vor Bloßstellung geschützt werden? Müssen denn wirklich alle Ergebnisse veröffentlicht werden – nur weil wir es so einfach ist? Haben wir denn mittlerweile vor lauter Freude an problemlosem Publikmachen jedweden künstlerischen Anspruch verloren? Muss denn wirklich das Arbeitsergebnis Jugendlicher, die in völlig vereinfachte Zweitklass-Rhythmen fern jeder musikalischer Gestaltung etwas drauf los klappern der Welt Preis gegeben werden – nur weil wir es können? Verregnete Tage sind prädestiniert, um bei youtube den Begriff „Musikunterricht“ einzugeben und um festzustellen, dass wir am Bild, dass in der Gesellschaft von uns vorherrscht, zum Teil sogar selbst dran Schuld sind.
Ich habe keine Rückfahrkarte gelöst und möchte auch keine. Schon gar nicht, wenn ich vermehrt Ansätze eines gewinnbringenden Einsatzes digitaler Medien sehe: Eine an die Wand gebeamte Klaviatur, auf der alle die gedrückten Tasten nachvollziehen können, stellt einen Mehrwert dar, den so kein anderes Medium bieten kann. Ein Arbeiten in bzw. an einem digitalen Portfolio, in welchem Aufzeichnungen, Prozesse und Entwicklungen nachvollziehbar dokumentiert sind, was mit Video und Audio ergänzt wird, stellt einen Mehrwert dar, dem in dieser Form nur schwer Alternativen gegenüber zu stellen sind. Und selbst das Einflechten des Auftrages „Fasst einmal in 140 Zeichen zusammen, was für euch von Relevanz war“ kann in gewissen Situationen bereichernd wirken und – wohldosiert eingesetzt – gewinnbringend ins unterrichtliche Geschehen integriert werden, wobei dies durchaus auch auf einem Blatt Papier geschehen kann.
Ich wünsche mir ein Innehalten und eine Rast – mit genügend Proviant und Zeit zum Dialog. Ich wünsche mir nach wie vor die Spinner, die Nerds und die digitalen Trendscouts. Aber ich wünsche mir auch die Zur-Ruhe-Ermahner, die Bewahrer und Bedenker. Ich wünsche mir endlich Wahrnehmung und Akzeptanz auf beiden Seiten – es soll mehr werden als eine flüchtige Reisebekanntschaft.
Und vor allem mutige, deutliche und leidenschaftliche Diskussionen, auf dass der ein oder andere vergessene Waggon wieder an-, manch moderner Wagen wieder abgekoppelt und ein wenig neu rangiert wird.
Der alte Grabenkrieg …
15Der alte Grabenkrieg
Ganz untypisch für meine Seite einmal ein bisschen Schulpolitik.
Nachdem mein lieber Freund Sebastian mich hier in seinen Blog zitiert (böse Zungen sagen „angeht“) und ich mal wieder mich ein wenig (böse Zungen sagen: „laut und hemdsärmelig“ die Dissonanz zwischen Grundschularbeit und dem, was an manchen (böse Zungen sagen „viele“ und ganz böse unterstellen mir sogar, dass ich „fast alle“ meinen würde) Gymnasien geschieht herausgestellt habe (habe ich schon das Wort „Polemik“ verwendet?), hier mein öffentlicher Brief:
[edit: Liebe Kolleginnen aus NRW (und ich bin bereit, hier jedes weitere Bundesland einzufügen), mir war das bis heute nicht klar, was ihr da leistet. Ich wusste weder, dass ihr Dialoge führt, dass ihr miteinander beratschlagt, dass ihr euch trefft, dass Gutachten und Akten *überhaupt gelesen* werden! Respekt! Ihr braucht gar nicht weiter zu lesen, denn an euch geht das nicht ...]
[edit II: Liebe Kolleginnen aus NRW (und ich bin bereit, hier jedes weitere Bundesland einzufügen), mir war das bis heute nicht klar, dass das, was da von *einigen* geleistet wird auch nur von *einigen* geleistet wird. Von daher - Entwarnung; es brennt hüben wohl ähnlich wie drüben ...]
Mein lieber Freund Sebastian,
seit über zehn Jahren gehen wir viele Strecken gemeinsam und weit über zehn Jahren entdecken wir unglaublich viele Parallelen – wir beide unterrichten (leidenschaftlich) Musik, wir beide sind absolute Nerds (Du noch ein bisserl mehr als ich) und wir beide bilden Lehrer aus – und selbst am Studienseminar gibt es unglaublich viele Dinge, die der eine so erlebt wie der andere.
Im Grunde unterscheiden sich unserer Arbeitsfelder nur marginal – und doch in Teilbereichen grundsätzlich.
Ich habe mit Interesse Deinen Beitrag zum Thema Sitzenbleiben gelesen, genau so wie ich auch mit vielen anderen Meinungen diesbezüglich auseinander gesetzt habe. Ich habe mich über die Hattie-Studie, die ich bislang nur in Grundzügen kenne, gefreut und darin das wieder gefunden, was wir in der Grundschule schon längere Zeit beobachten. Und es war auch mal wieder interessant zu lesen, wie diese Studie von Deiner Seite gelesen wird: „Siehst Du? Offener Unterricht ist falsch – wir müssen frontal arbeiten“ …
Aber der Reihe nach. Kurzer Exkurs ins 16. Jahrhundert zu Herrn Paracelsus, der da wusste: „Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht‘s, dass ein Ding kein Gift sei.“
Jetzt müsst „ihr euch am Gymnasium“ also mit dem Sitzenbleiben beschäftigen und schreit auf, dass das schlimm sei, wohin das denn führen soll, dass man ja vertiefen müsse – Du hast ja einige Argumente genannt. Aus Sicht eines Lehrers, der zehn Jahre an der Hauptschule war und jetzt im zehnten Jahr an der Grundschule ist:
Versetzen aus pädagogischen Gründen ist und war wahrscheinlich schon immer an Regelschulen ein Standard.
Warum? Weil es nicht anders geht – für keinen der Beteiligten. Fangen wir in der Grundschule an: Welche Sinn soll es denn machen, wen ein nichtdeutschsprachiges Kind aufgrund ungenügender Leistungen in Deutsch mit 9 Jahren im ersten Schuljahr sitzt? Welchen Sinn soll es denn machen, wenn ein Flüchtlingskind, welches u. Umständen noch nie beschult wurde (ja, das gibt es auch) seinen Fähigkeiten und nicht seiner Reife entsprechend eingeschult wird? Welchen Sinn soll es denn machen, ein Kind mit diagnostizierter Lese-Rechtschreibschwäche (ja, das kann man diagnostizieren) so lange sitzen bleiben lässt, bis es Dehnungen und Doppelkonsonanten beherrscht und warum um alles in der Welt soll man ein Kind mit Dyskalkulie so lange im zweiten Schuljahr sitzen bleiben lassen, bis die Malreihen halt auswendig gelernt sind?
In der Grundschule wird in solchen (und auch in vielen anderen Fällen) versetzt, weil Kinder ihrer Reife entsprechend zusammen gehören sollen. Das wussten schon die Reformpädagogen und vor allem Frau Montessori legte darauf größten Wert. Es ist auch so, dass das ab dem 7. Schuljahr nicht mehr so auffällig ist und es ist auch bestimmt so, dass es in einigen Fällen hilfreich sein kann, wenn jemand wiederholt – vorausgesetzt es zeichnet sich ab, dass dies sinnvoll ist. In der Grundschule herrschen Prinzipien der Diagnostik und der damit einhergehenden individualisierten Förderung vor. Und in guten Grundschulen weiß man auch von Stärkenförderung und legt darauf ein Hauptaugenmerk. Der Fall, dass ein Kind partout nicht lesen lernt und es dann von heute auf morgen einfach so kann ist nahezu ein Standard bei uns. Da braucht man Geduld und Spucke. Aber das wissen wir – vielleicht sind auch deshalb viele Kollegen in der GS so entspannt.
In LeDy, der Mitgliederzeitschrift des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (Kennt man am Gymnasium solche Verbände? Setzt man sich mit denen auseinander?) gibt es immer wieder ein Profil von Menschen mit Legasthenie im Beruf. In der aktuellen Ausgabe eine Tierärztin (ja, das sind die mit Abitur und Studium). Das schöne an diesem Profil ist, dass die Leute einen Fragebogen ausfüllen und dieser so abgedruckt wird, wie die Leute schreiben. Äußerst interessant und vor allem – Mut machend.
Was weiß man an den meisten Gymnasien denn davon? Wir beobachten die Kinder, wir fördern, wir erstellen Gutachten und geben diese weiter. Wir suchen den Kontakt zum Kindergarten, zu Frühförderzentren, zu Therapeuten – und im Idealfall sogar zu Vereinen. Wie viele solcher Gutachten hast Du schon gelesen? Was weißt Du genau von Deiner Lerngruppe, was weißt Du von Deinen einzelnen Schülern und davon, was im Kindergarten und in der GS geleistet, versucht, diagnostiziert und angewandt wurde? Vielleicht weißt Du da viel von – aber dieses Zitat hier hören wir zu oft: „Diese Akten lese ich nicht – bei mir fängt alles wieder von vorne an.“
Es ist noch immer so, dass man viel zu vielen Kollegen an den weiterführenden Schulen erklären muss, was ein Nachteilsausgleich ist – das weiß kaum jemand! Es interessiert nicht. Da werden Deutschnoten wegen diagnostizierter LRS ausgesetzt, um dies in Englisch zu ignorieren und schlechte Noten wegen der Schriftsprache zu verteilen. Da werden Mathetests geschrieben, die von Textaufgaben nur so strotzen und die Lehrer wissen noch nicht einmal, wer da was vielleicht nicht lesen kann.
Ich schreib‘s mal wieder dazu – der Vollständigkeit halber: In Art.4 Abs. 1 der UN-Behindertenrechtskonvention heißt es: „Die Vertragsstaaten verpflichten sich, die volle Verwirklichung der Menschenrechte und Grundfreiheiten für alle Menschen mit Behinderung ohne jede Diskriminierung aufgrund von Behinderungen zu gewährleisten und zu fördern.“
In Artikel 24 (Bildung) heißt es weiterhin:
(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integrativen [inklusives] Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,
- die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken;
- Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen;
- Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.
(2) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass
- Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden;
- Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen [inklusiven], hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben;
- angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden;
- Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern;
- in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration [Inklusion] wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden.
(3) Die Vertragsstaaten ermöglichen Menschen mit Behinderungen, lebenspraktische Fertigkeiten und soziale Kompetenzen zu erwerben, um ihre volle und gleichberechtigte Teilhabe an der Bildung und als Mitglieder der Gemeinschaft zu erleichtern. Zu diesem Zweck ergreifen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen; unter anderem
- erleichtern die das Erlernen von Brailleschrift, alternativer Schrift, ergänzenden und alternativen Formen, Mitteln und Formaten der Kommunikation, den Erwerb von Orientierungs- und Mobilitätsfertigkeiten sowie die Unterstützung durch andere Menschen mit Behinderungen und das Mentoring;
- erleichtern sie das Erlernen der Gebärdensprache und die Förderung der sprachlichen Identität der Gehörlosen;
- stellen sie sicher, dass blinden, gehörlosen oder taubblinden Menschen, insbesondere Kindern, Bildung in den Sprachen und Kommunikationsformen und mit den Kommunikationsmitteln, die für den Einzelnen am besten geeignet sind, sowie in einem Umfeld vermittelt wird, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet.
(4) Um zur Verwirklichung dieses Rechts beizutragen, treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen zur Einstellung von Lehrkräften, einschließlich solcher mit Behinderungen, die in Gebärdensprache oder Brailleschrift ausgebildet sind, und zur Schulung von Fachkräften sowie Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen auf allen Ebenen des Bildungswesens. Diese Schulung schließt die Schärfung des Bewusstseins für Behinderungen und die Verwendung geeigneter ergänzender und alternativer Formen, Mittel und Formate der Kommunikation sowie pädagogische Verfahren und Materialien zur Unterstützung von Menschen mit Behinderungen ein.
- Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass Menschen mit Behinderungen ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen haben. Zu diesem Zweck stellen die Vertragsstaaten sicher, dass für Menschen mit Behinderungen angemessene Vorkehrungen getroffen werden.
Das ist – mit Verlaub – unsere Dienstvorschrift. Da brauchen wir nicht rumzujammern, das ist festgesetzt. Und es ist gut so!
Inklusion ist – wie jedes differenzierte Arbeiten – unsere Pflicht. Und es wird einfach Zeit, dass sich das an allen Schulen herumspricht. Die Zeiten der Synchrondidaktik müssen endlich vorbei sein. Es widerspricht doch jedem gesunden Menschenverstand, was da in manchen Lehrerköpfen vor sich geht, dass man eine Gruppe von Kindern oder Jugendlichen aufsucht, einen Punkt X festlegt und nun versucht, alle gleichmäßig nach X+1 zu schieben. Nichts anderes wird aber tagtäglich noch immer an zahlreichen Schulen getan. Und wer nicht mitkommt, wird ausgesondert. Vom Gymnasium in die Real- oder Hauptschule (sollen die sich doch darum kümmern, nicht mein Problem, für uns halt zu schwach) oder am besten gleich auf die Sonderschule.
Welcher Sinn soll denn dahinter stecken, Menschen mit Beeinträchtigung zusammenzupferchen und dann zu glauben, dass das schon liefe. Ich habe erst gestern wieder Inklusionsstunden gesehen und da gibt es Kinder, von denen ich mir in gar keiner Weise vorstellen kann und will, dass sie jemals „sonderbeschult“ werden müssen – das muss nicht sein. Und warum lief das so gut? Weil da eine junge Lehrerin war, die ihre Gruppe kennt, die weiß, wie wer arbeitet und entsprechend differenziert unterrichtet. Das geht. Das können die an der Grundschule.
Zu meiner Zeit haben alle aus einer Gasse zusammen gespielt. Und da war auch ein Kind dabei, das anders aussah als wir. Das Gesicht war ein bisschen breiter, die Zunge war ein bisschen länger – aber das war doch auch schon alles! Es ist unter heutigen Gesichtspunkten doch ein Skandal, dass man erst heutzutage (!) Menschen mit Trisomie 21 ein Studium zutraut. Sieht anders aus als wir, muss ja blöd sein. Glücklicher Weise lehren uns immer mehr Menschen, dass – wie so oft – eines mit dem anderen nicht zu tun hat.
Gehen wir zurück zu unserer Arbeit. Habt ihr an eurem Gymnasium Menschen mit Behinderung? Gibt es individuelle Förderpläne? Was macht ihr mit LRS- oder Dykalkulie-Kandidaten oder ist es vielmehr so, dass die ja da eine „Zementfünf“ (der Begriff ist aus Deinem Blog – solch ein despektierlicher Begriff kann nie aus der GS kommen) steht und von daher die Menschen eh nicht für die Universität geeignet sind? Welche Rolle spielen denn Verzögerungen in der Entwicklung? Pubertiert lange, ist blöd, bleibt sitzen, bleibt zweites Mal sitzen, fliegt. Du glaubst gar nicht, wie viele Jugendliche ich an der Hauptschule erleben musste, die vom Gymnasium flogen, weil sie die geforderten Leistungen nicht brachten. Und wir sind so was von stolz darauf, dass wir die, die es konnten, dann doch wieder auf die weiterführenden Schulen bringen konnten.
Jemand mit LRS ist nicht blöd. Das ist nachgewiesen. Und wenn jemand LRS hat, dann hat der auch Probleme, einen Text in Erdkunde zu lesen – aber da haben wir (hallo – Nerdbruder?) Möglichkeiten genug, das Lesen zu umgehen. Ich habe einen äußerst intelligenten Kollegen, Geschichts- und Geographielehrer, der sich hervorragend in seinen Fächern auskennt und dem man stundenlang zuhören kann. Er hat mir erzählt, dass er (außer in der Schule und im Studium, wenn es Pflicht war) noch nie (!) ein Buch gelesen hat und das auch nicht tun wird. Sein Wissen hat er ausschließlich aus Dokumentationsfilmen (die er nahezu ausschließlich schaut), aus Radiosendungen und aus Podcasts.
Und weil ich hier gerade so schön rumschimpfe setze ich noch eins drauf: Originalzitat vieler (!!!) Kollegen von Dir: „Mir ist das egal, was an der Grundschule gemacht wurde – ich muss eh von vorne anfangen, da kann ich eigentlich gar nichts voraussetzen.“ Da haue ich jetzt mal rein: Macht ihr im Musikunterricht eine Lernstandserhebung bzw. eine -analyse? Wenn ich eine Klasse zwei Jahre lang hatte, dann können die Kinder solmisieren, sie können Rhythmussprache und selbständig Rhythmen aufschreiben. Manche richtig gut, manche noch nicht so richtig gut. Ich könnte Dir erzählen, wer was warum und wie kann und versuche auch so viel wie möglich davon ins Zeugnis zu schreiben. Meinst Du denn, dass das hier irgendwen interessiert? Glaubst Du denn im Ernst, dass da irgendwer drauf aufbaut und den Fähigkeiten der Kinder entsprechend weiter fördert? Wenn es dumm läuft, kommen sie in eine Chorklasse und müssen dann zwei Jahre lang alles über sich ergehen lassen, was sie schon längst können – aber das interessiert da keinen. Wenn es ganz dumm läuft, müssen sie auswendig lernen, wie viele Sinfonien Mozart schrieb und in welchem Verwandtschaftsverhältnis er zu Carl Maria von Weber steht – und meinen angebahnten Musikalsierungsprozess kannst Du in die Tonne treten.
Jetzt habt ihr also die Sitzenbleiberdiskussion und seid traurig. Wir (und damit meine ich Grund- *und* Hauptschullehrer) lehnen uns da zurück und lächeln, weil wir das schon seit sehr vielen Jahren so handhaben, wie es dem Kind am dienlichsten ist. Vielleicht, weil wir schon immer Pflichtschule waren und wir das Ernst nehmen.
Ich kann mich wirklich erst dann in den Dialog begeben, wenn ich weiß, dass er auf Augenhöhe stattfindet – und das tut er nicht. Noch lange nicht. Klar lacht ihr über uns „Grundschulmäuse“ und das tun wir ja auch. Natürlich macht ihr eure Witze über das Laminieren und das Ausschneiden – aber umgekehrt lachen wir über eure Arroganz, über die leider viel zu weit verbreitete pädagogische Unfähigkeit, die nicht vorhandene Empathie und letzten Endes die absolute Ignoranz dessen, was die Kinder mitbringen, was sie können, was sie schon geleistet haben, wo Stärken und wo Schwächen sind und wo man ansetzen muss bzw. warum es manchmal sinnvoll sein kann, dass ein Kind trotz schlechter Noten versetzt wird.
Wenn Du bis hier hin aufmerksam warst, hast Du es eh gemerkt: Ja, ich lasse das linkssockige Gedankengut der Gesamtschule nicht los. Sie ist und bleibt für mich das einzige dem Kinde gemäßen Modell.
Ich bin noch ein wenig mehr Ketzer: Vor die Gesamtschule setze ich noch die sechsjährige Grundschule. Das käme auch euch zugute …
Meine Prämisse im Unterricht ist und bleibt: Unterrichte jedes Kind so, wie Du Dein Kind unterrichtet wissen willst. Und wenn Deine Tochter nur eine kleine Lese-Rechtschreibschwäche hätte – was dann? Nur eine Lese-Rechtschreibschwäche – ansonsten nachvollzieh- und messbare Intelligenz. In Mathematik (kein Wunder bei der Mutter) sogar eher überdurchschnittlich. Und nun? Zementfünf in Deutsch. Geographie zwischen vier und fünf, Englisch zwischen vier und fünf, weil der Englischkollege die LRS einfach ignoriert …
Vielleicht machen wir schon zu lange Zeit den gleichen Fehler, dass wir in der Grundschule ausprobieren, evaluieren, umstellen, neu strukturieren, uns an anderen Ländern orientieren und in Bewegung bleiben.
Vielleicht wäre es sinnvoll, andersrum zu denken. Die Treppe muss von oben gekehrt werden – und vielleicht sollten wir das auch mal probieren.
In alter Freundschaft,
der Mischl, der weiß, dass Du einer von den Guten bist
Ein wenig still geworden hier …
9Ein wenig still geworden hier …
… und das hat – wie so oft – auch seinen Grund: ich bin müde geworden.
Was ich bislang hier zusammen getragen habe, sind Dinge, die ich für den Musikunterricht empfehle, Dinge, die ich ausprobiert habe, Dinge, von denen ich mir gut vorstellen könnte, dass sie auch bei anderen gut passen könnten. Meine Art, mich am Web zu beteiligen, meine Art “Danke” zu sagen, für all die tollen Ideen, die ich selbst schon gefunden habe und von denen ich profitiere. Vielleicht auch meine naive Sichtweise, dass für all das, was man nimmt auch etwas gegeben werde sollte.
Und so freut man sich dann über nette Mails, freundliche Kommentare oder kleinere Gespräche in Fortbildungen oder auf Kongressen, wenn es Rückmeldung gibt, dass man hier gerne lese, dass man manches gebrauchen konnte etc. Das macht dann auch Mut, weiter zu schreiben und solche Dinge sammelt man auch gerne!
Müde wird man aber – und das haben mir auch andere (ex-)bloggende Kollegen bestätigt – wenn man merkt, dass ein gewisses Nutznießer-, Nassauer- oder meinetwegen auch Schmarotzerverhalten sich breit macht. Nicht, dass man versäumt, für irgendetwas zu danken (und gerade Lehrer sollten doch so etwas können – oder?), nein, man setzt noch eines drauf und breitet sich in einer Dreistigkeit aus, die ich nie für möglich gehalten hätte.
Ich möchte diesen Artikel zum Anlass nehmen, einmal (gekürzt und anonymisiert) einen Auszug (!) der Anfragen des letzten Kalenderjahres hier abzulegen. Ich gehe davon aus, dass ich diese Sammlung erweitern werde. Ich werde natürlich die Originalrechtschreibung (gell, Kollegen, beschwert euch nicht mehr über eure Schüler …) übernehmen und da wo ein “Danke” drin war, hab ich’s auch drin gelassen …
Leute, ich will niemandem auf die Füße treten – definitiv nicht! Allerdings: Ich betreibe dieses Blog in meiner Freizeit … jede Anfrage braucht doch auch noch mal Zeit, damit sie beantwortet wird … ich freue mich natürlich ganz arg über jeden Austausch, aber das hier ist kein Dienstleistungsunternehmen und kein Handel und weder ein Forum noch eine Beratungsstelle … und überlegt doch mal, was euch der Klempner oder der Schreiner vor Ort erzählen würdet, wenn ihr den anruft und fragt: “Ja, ich sitze hier und baue gerade die Fenster aus … wie machen Sie das noch mal mit dem Zimmermannshammer? Muss ich den jetzt von oben ansetzen oder wie … und wo Sie gerade da sind, welchen Holzleim empfehlen Sie? Ich brauche auch einen neuen Akkuschrauber – worauf muss ich achten?”
Und um es ein für alle mal für die Web-Profis unter euch klar zu stellen: Ich habe überhaupt gar kein Interesse an irgendwelchen Projekten, Collaboratory-Sites, Communities oder sonstigen Content-Sammlungen mitzuwirken, bei welchen irgendwer Leute anschreibt, um Mitarbeit (also kostenlose Bereitstellung von Materialien) bittet und mir einen Fragebogen schickt, für dessen Beantwortung ich mehr als eine Stunde bräuchte (etwa in der Art “Bitte beschreiben Sie, wie ein Unterricht unter dem Einsatz des Mediums abläuft? Was würde ein Beobachter dort an Aktivitäten wahrnehmen? (…)”) und wovon niemand etwas hat, als der, der anfragt; mit anderen Worten, wo ich arbeiten soll, damit ein anderer behauptet, er habe den Job gemacht, wofür er sich (oft gut) bezahlen lässt.
Freunde, das ist unverschämt! Das ist kein Geben-und-Nehmen sondern ein Nehmen-und-Nehmen-und-auf-dem-Trittbrett-fahren. Und dafür bin ich langsam zu alt.
Und – Landsleute - noch eins: Es ist der Gipfel der Unverschämtheit, wenn man bei mir sonntags (!) anruft und mich um Beratung bittet. Das geht überhaupt gar nicht und das führt dazu, dass mir hier langsam die Lust ausgeht. Ich dachte eigentlich, dass ich das nicht schreiben muss, habe mich aber geirrt. Es kam schon vor. (Auch wochentags, aber da bin ich dann machmal ein wenig geduldiger …)
Bin gespannt, was im nächsten Jahr so alles ankommt …
hallo habe ihren download für Logic Fun probiert und es geht nicht die zieldatei kann nicht gefunden werden . können sie mir einen link für windows 7 schicken
ich bin Referendar (…) Ich wollte in der nächsten Lehrprobe in der Richtung Orf-Instrumente oder Rhythmusschulung oder Verklanglichen einer Geschichte eine Stunde zeigen. Gibt es dazu Fachdidaktik, welche könnte sich lohnen?
Wo gibt es die Möglichkeit 5 Notebooks mit 5 externen Soundkarten (oder stattdessen 5 USB-Mikros) und installiertem Musikprogramm für ein solches Projekt zu mieten?
Ich suche Saxophonnoten zu dem Abspann von Klaus Doldinger zum Tatort Film.
Leider kenne ich mich überhaupt nicht mit Noten aus und weiß nicht, wie ich ein passendes Lied zur dieser Sequenz der Pappbecherbegleitung finden kann. Können Sie mir ein paar passende Lieder nennen?
Dieses Jahr wollten wir mit unserer Schule das Musical (…) aufführen, welche Kosten (Gema oder Aufführungsrechte) kämen auf uns so oder können wir diese umgehen.
Die Putzfrauen unserer Schule haben die Boomwhackers (…) in den Müll geworfen, da die Stäbe in einer mülltonnenähnlichen Tonne im Klassenraum standen. Meine Frage; Kann man die Boomwhackers auch einzeln kaufen, oder nur im ganzen diatonische bzw. pentatonischen Satz?
bitte senden Sie mir Ihre DVD “Abentuer Klassik” zu.
Danke
Welche Lieder aus dem populären Bereich kann man denn mit dem Basic Groove 1 (also der einfachste) begleiten. Vielleicht wissen sie spontan ja einige (aktuelle) Lieder. Ich möchte das evtl. mit einer Jugendgruppe machen die vorzugsweise Musik aus dem Bereich Rpck, Pop und Hip-Hop hören.
Alles für die Freiarbeit
0Alles für die Freiarbeit
Die Diskussionen, wie handlungsorientiert ein zeitgemäßer Musikunterricht zu sein hat, wie arg er auf Produktion fokussiert, wie zentriert der musizierende Mensch und wie wenig alt-kopflastiges Gedankengut noch seinen Stellenwert haben darf/soll/muss sind vielerorts (leider noch) nicht zu Ende geführt, da meldet sich die Fraktion der Befürworter eines „reinen an der Handlung orientierten Unterrichts“ und stellt – nachvollziehbar und völlig zu Recht – fest, dass ein Quentchen Wissen um Musik auch nicht fehlen darf.
Das lag im Grunde schon immer in der Luft, wurde aber eine gute Zeit lang noch hinter hervor gehaltener Hand getuschelt – zu groß war die Angst zurück in die musikpädagogische Steinzeit zu verfallen, in welcher die Moldau auf einer Karte gefunden, Beethovens Lebensdaten auswendig gelernt oderHaydns Sinfonien gezählt werden mussten und handlungorientierter Musikunterricht durch Aufträge wie „Zeichne ein, wo Mozart übernachtet, höre die kleine Nachtmusik und iss eine Kugel….“ definiert wurde.
Leider gibt es noch immer zahlreicher Publikationen, die in einem solchen Sinne aufgebaut sind und offensichtlich scheint es hierfür ja auch einen nicht geringen Markt zu geben.
Um dennoch im in allererster Linie an der Handlung bzw. am Musizieren orientierten Unterricht Platz für Lernen musikalischen Wissens oder auch um Raum für vom Kind gesteuertes Lernen zu schaffen, richte ich regelmäßig Phasen der freien Arbeit ein. In diesen Phasen kann außerdem von kleinen Gruppen vertieft geübt werden. Hier sei eine Auswahl der Materialien vorgestellt, welche durchaus auch im Klassenzimmer (und vor allem auch für die Regenpause) untergebracht werden können:
Instrumente
Zuallererst sei hier das Material Orchesterexpedition der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz empfohlen. Diese lässt sich sowohl online durchstöbern und durchspielen als auch bestellen und auf einem Rechner installieren. Auch sehr interessant ist die DVD Abenteuer Klassik, welche in gleicher Art und Weise eingesetzt werden kann.
Das Musikinstrumenten-Memo ist insofern besonders reizvoll, als hier Memory-Spiel und das Wiedererkennen von Instrumenten auf einer CD miteinander kombiniert werden können. Das Musik-Puzzle
von Larsen kann in jedem Freiarbeitsregal Platz finden, ebenso wie das günstige Musikinstrumentequartett
, für welches Micaela Grohé sehr reizvolle Spielvarianten entwickelt hat. Die anderen (alten) Instrument-Quartette hab ich beim großen, bunten Auktionshaus für ‘nen Euro je Spiel ersteigert.
Beim Musikinstrumenten-Puzzle muss sowohl ein großes Ensemble-Puzzle zusammen gesetzt als auch jedes musizierende Kind mit seinem Instrument zusammengebracht werden. Letztlich sind die MemoCards Musik
insofern interessant, als es sich hier bei um ein anspruchsvolles Memory mit drei Kärtchen handelt, bei dem nicht drei gleiche sondern drei verschiedene Detailaufnahmen von Instrumenten miteinander zusammen gebracht werden müssen.
Die WAS-IST-WAS-Reihe bietet auch für den Musikunterricht interessantes Material für die Freiarbeit:
Vom Buch über Musik Instrumente, zum Hörspiel über Musikinstrumente und Akustik
bis hin zum Quiz Musik
reicht hier die Palette, der nicht immer ganz leichten Texte. Letztlich gibt es noch zwei komprimierte und günstige Publikationen zum Thema Orchester
und Ballett.
Ein kleiner Leckerbissen ganz besonderer Art ist Karla Kuskins “Das Orchester zieht sich an”, welches sowohl als kleines Bilderbuch als auch vertontes Hörspiel
erhältlich ist.
Komponisten
Wenngleich hier äußerst unkindgemäßes Material erhältlich ist, habe ich im Laufe der Jahre die Erfahrung machen können, dass nicht alles offensichtlich Schlechte zwangsläufig bei jedem Kind wirkungslos bleiben muss. Sehr oft erlebt man Kinder, die stundenlang Biographien lesen oder hören möchten. Hiervon ausgehend habe ich im Laufe der Jahre beim bunten Auktionshaus eine große Anzahl an Discman ersteigert (nie mehr als 10 Euro/Stück; gelingt dann, wenn man auf “gute No-Name-Marken” (solche, die die größten Discounter und Kaffeehäuser anbieten) zurückgreift), so dass in Phasen der Freiarbeit auch alleine oder zu zweit gehört werden kann.
Die Reihe “Klassik für Kids” mag zwar stellenweise gestelzt und gekünstelt wirken (manchmal wirkt der pseudocoole Justus Frantz einfach zu aufgesetzt), dennoch erfreut sie sich bei manchen Schülern recht großer Beliebtheit. Die CDs gibt es oft gebraucht, darüber hinaus sind sie als mp3-Download erhältlich. Weiterhin ist die Reihe Musikgeschichten (Igel-Records) interessant. Manches davon hat seinen Ursprung beim Bayerischen Rundfunk in der Kinderradiosendung DoReMikro, deren Podcast in jedem Fall empfehlenswert ist. Auf einem oder mehreren mp3-Playern kann auch dieser schnell seinen Platz in der Freiarbeit finden.
Letztlich sei noch auf die Reihe Der Holzwurm der Oper erzählt verwiesen. Wenngleich Ilja Richter zwar als Holzwurm sehr emotional agiert, sind doch manche Texte ein wenig am Kind vorbei erzählt – nichtsdestotrotz habe ich auch hier Schüler erlebt, die diese Reihe sehr gerne hören. Auch diese kann man gebraucht recht günstig erwerben.
Beim bunten Auktionshaus habe ich über die Jahre hinweg sehr viele alte Komponisten-Quartette erworben (auch immer in der Preisklasse von wenigen Euro). Es ist schon interessant, dass dieses Spiel seit mindestens 60 Jahren erhältlich ist. Bei Universal Edition ist ein solches nach wie vor erhältlich – leider allerdings in Deutsch und Englisch, was bei Leseanfängern verwirrend ist. Vom gleichen Verlag gibt es außerdem ein Komponisten-Memo.
Das beliebteste Spiel (zumindest bei Jungens) ist und bleibt allerdings Komponisten-Duell, weil hier nicht Quartett mit Viererpaaren sondern in der Supertrumpf-Variante gespielt werden kann (Nebeneffekt: “Boah, der hat Bach … dagegen hat keiner eine Chance …”)
Musikalische Bilderbücher
Dort sei zunächst auf die wunderschönen Bücher aus dem Annette-Betz-Verlag verwiesen. Zu jedem Bilderbuch gibt es ein CD mit ausgewählten Titeln oder der Gesamtaufnahme. Marco Simse hat sich u.a. dem Der Karneval der Tiere, den vier Jahreszeiten
, der Moldau
und den Bildern einer Ausstellung
angenommen. Weiterhin gibt es Bücher zu den großen Balletten, einigen Opern und einigen Komponisten. Diese Bücher sind in jedem Fall ihr Geld wert.
Eine ähnliche Reihe gibt es bei gondolino, welche auch oft günstig gebraucht zu finden ist.
Darüber hinaus habe ich alles an Bilder- und sonstigen Kinderbücher zum Thema Musik gesammelt, von denen ich exemplarisch auf In der Oper, Im Konzert
, Im Ballett
oder Flöte, Geige und Giraffe verweisen möchte.
Spielen und Songwriting
Zum musikalischen Spielen habe ich ein paar Exemplare von We will rock you und Crazy Dancing
angeschafft. Weiterhin Spiele aus der “Little-Amadeus-Reihe”, bei denen allerdings das Musikalische nicht so arg im Vordergrund steht.
Zum Songwriting bzw. zum spielerischen Erzählen von Geschichten (aus denen dann Songs entstehen) haben sich folgende Spiele, die prädestiniert für den Deutschunterricht sind, etabliert: Das leider nur noch gebraucht erhältliche Spiel Es war einmal sowie die Story Cubes
. Darüber noch ein paar Buchstabenspiele wie Wort-Tüftel
oder Wörter würfeln
Rezension: Der Musiklehrer-Coach
4Rezension: Der Musiklehrer-Coach
Ursprünglich sollten den Lesern dieses Blogs Rezensionen erspart bleiben, stellen sie doch zu oft die (natürlich völlig zurecht formulierte) subjektive Sichtweise eines einzelnen Autors dar. Der Mehrwert solcher Pseudoliteraturkritik war für mich nicht ersichtlich. Die großen Buchportale im Internet bieten hierfür ein mehr als ausreichendes Forum und somit schien diese Ecke doch bedient genug.
In letzter Zeit erschienen allerdings einige Publikationen, die es wert sind, genauer beobachtet zu werden.
Fängt man erst einmal mit dem Rezensieren an, trifft man automatisch eine engere Wahl – in der Regel sind‘s ja die Favoriten, über die man schreibt. Und damit möchte ich jetzt auch mal anfangen.
Ob ich wirklich Zeit und Muße finden werden, dem Rezensieren einen eigenen Bereich im Blog beizumessen, wird sich zeigen, ebenso wie es abzuwarten bleibt, ob ich irgendwann mal meinen Traum erfülle und am Ende des Jahres eine Art „goldene Himbeere“ im Bereich musikpädagogischer Publikationen (bzw. bunte Hefte mit großer Schrift für Lehrer, die (auch) Musik unterrichten) zu verleihen – verdient hätten es ja einige …
Es freut mich besonders, dass ausgerechnet das neue Buch von Micaëla Grohé mir den Anlass gibt, doch ab jetzt mal ab und an über neue Veröffentlichungen zu schreiben, da ich bereits bei ihrem letzten Buch – Musik-Spiele - darüber nachdachte.
„Der Musiklehrer-Coach“ heißt das dieser Tage bei Helbling erschienene und 216 Seiten starke Werk, das mit dem Untertitel „Professionelles Handeln in konflikthaften Unterrichtssituation“ versehen und um ein vielleicht ein wenig provokantes Cover ergänzt wurde: ein (geschätzt) siebtes/achtes Schuljahr sitzt völlig gelangweilt mit allerlei Instrumentarium und trötet und döngelt (oder auch nicht) – vorne eine äußerst motivierte Lehrerin Anfang dreißig, die die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben zu haben scheint …
Wie wird‘s diesem Buch ergehen? Traut man sich, es am Helbling-Stand auf einem Kongress zu kaufen – gibt man damit preis, dass man Probleme im Unterricht hat, dass einem der ganze Kram manchmal über den Kopf wächst, dass man neulich fast wegen der 7c geheult hat, dass es einen selbst nervt, wenn in der achten nur mit Gebrülle, Klassenbucheinträgen oder Rausschmeißen Ruhe einkehrt? Will man so viel von sich verraten, wenn man auf Fortbildungen hört, dass Friederike S. neulich „ein total super tolles Brahms-Projekt gemacht“, Josef K. „genau weiß, wie man welche Pappenheimer zu packen hat“ oder Svenja L. berichtet, dass „jetzt alle ein Instrument bei ihr lernen“ und man nur ergänzen mag: „Bei mir läuft derzeit echt alles aus‘m Ruder …“
Da bin ich jetzt froh, dass es das Internet gibt und man das Buch verstohlen, heimlich still und leise bestellen könnte, ohne dass man darüber reden müsste. Denn eines möge man in manchen (!) Haifischbecken Lehrerzimmern tunlichst unterlassen: (vermeintliche) Schwächen offenlegen.
So übernimmt Frau Grohé das jetzt einfach für uns. Neutral. Schlicht. Ohne Tamtam und vor allem ohne Klugscheißerei (ich genieße gerade die Rezension im eigenen Blog; kein Verlag hätte den letzten Satz durchgehen lassen …). Sie zeigt auf und regt zum Überlegen an. Wer sich darauf einlässt, dem schiebt sie noch was nach: kleine Beobachtungen, winzige Aufschreibaufgaben, Notizen, mal was zum Ankreuzen, mal was zum Ausfüllen. Das zieht sie durch, das verlangt sie ab, um nicht zu sagen: das mutet sie uns zu.
Wer dieses Buch kaufen möchte, in der Hoffnung unter „U“ den Punkt „Umgang mit Kevin“ zu finden, der wird enttäuscht. Wer Listen erwartet, in den zu genau aufgegliedert ist: „Stehen Sie aufrecht! Gehen Sie dann gezielt auf die Schülerin zu, behalten Sie die erste Reihe trotzdem im Blick …“ wird sich nicht richtig bedient fühlen.
Frau Grohé kennt sie, die Situationen, die Probleme bereiten.
Und gerade darin liegt in meinen Augen die Besonderheit dieses Buches. Natürlich weiß sie auch von den Dschastiehns und Schanntalls, sie unterrichtet in Berlin und nicht an einer einzügigen Dorfschule (wobei es auch hier, verzeiht, liebe Kollegen, zu massiven Schwierigkeiten kommen kann, das weiß ich!). Nichtsdestotrotz fordern die einzelnen Kapitel (der Titel verrät ja bereits, dass es hier um Coaching geht) Begegnung mit sich selbst, denn hier lässt sich (in erster Linie, massiv und vor allem effektiv) etwas ändern – nicht an Kindern, die man eine oder zwei Stunden vierzig Wochen lang mit mehr als 25 anderen unterrichtet.
Die Begegnung mit sich selbst ist bisweilen stellenweise vielleicht ein wenig ungewohnt, bringt aber mit Sicherheit gewünschte Erfolge. Und man begegnet nicht nur sich selbst sondern – quasi en passent – auch jeder Menge von Schülern, solchen die man derzeit noch unterrichtet, aber auch solchen, die man mal unterrichtet hat. Man lernt sie, sich aber auch die Situationen kennen, einschätzen, manches verstehen, aber auch, vieles „einfach gut“ sein zu lassen.
Von daher lehne ich mich mal richtig weit aus dem Fenster und behaupte: Wer dieses Buch durcharbeitet, wird sich als Lehrer und somit auch seinen Unterricht verändern.
Ich kann und werde es auch Nicht-Musiklehrern empfehlen, weil der Inhalt gewisser exemplarischer Unterrichtssituationen variabel und ein Fallbeispiel wie „Saskia geht zögernd an die Tafel, wo sie die Noten … zeigen soll …“ (S.133) identisch ist mit Situationen wie „Korbinian geht an die Karte, wo er den Kaukasus zeigen soll“, „Perpetua geht ans Periodensystem der Elemente, um Palladium zu suchen“ oder „Servatius geht ans Smartboard, wo er einen ergoogleten Stream im Intranet simuliert“ …
Frau Grohé kennt die kleinen und großen Baustellen des Alltags, die Situationen, die scheinbar immer wieder kehren, kennt Schüler, Kollegium und Schulleiter, genau so wie die Arbeit mit Eltern, die auch geübt werden will. Und sie kennt Wege. Überraschend viele.
Ein wenig Zeit muss man schon mitbringen. Vielleicht bietet es sich auch an, mit dem Buch – wie mit einem Coach auch – feste Termine zu vereinbaren, um wirklich dran zu bleiben.
Bestellen Sie sich am besten noch ein schönes Notizbuch dazu, eines, das sie gerne anfassen, ruhig auch ein etwas besseres und führen sie es parallel zum Buch – Sie brauchen eh ein paar Zettel. Somit wird der Gang zum Coach reeller, weil, wie beim Sport, eine kleine Tasche gepackt werden muss. Schreiben Sie dort dann auch die Punkte auf, die Sie im Buch mit einem wohlwollenden Lächeln („Das mach ich schon immer so“, „Das mache ich gut!“, „Das kann ich!“) quittiert haben – das zeigt Ihnen, was Sie schon erreicht haben!
Und wo wir bei Veränderung sind: Trauen Sie sich dennoch über Ihre Probleme offen zu sprechen. Natürlich gibt es pädagogische Naturtalente – ich habe schon einige gesehen – aber dass man das, was wir täglich leisten müssen auch lernen muss, ist doch selbstverständlich. Tauschen Sie sich aus. Und wenn Sie Zeit und Gelegenheit haben, besuchen Sie einen Workshop bei Micaëla Grohé, denn diese Erfahrung wird Sie berühren und wird Ihnen lange in Erinnerung bleiben.
Ich konnte einen solchen Kurs einmal besuchen – mit ca. 80 weiteren Kollegen (der Saal platzte aus allen Nähten), ein zweites Mal kam ich nicht mehr rein, weil es keinen Platz mehr gab. Es gibt wohl doch eine ganze Reihe Kollegen, die das auch interessiert, die das kennen, wenn‘s nicht richtig läuft …
Hinterher gab‘s dann regen, produktiven und auch sehr lustigen Austausch. Am Helbling-Stand. Ganz offensiv mit dem Buch in der Hand.

Kürzliche Kommentare